Das Projekt

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Projektidee

Wer es sich zur Aufgabe macht das Leben von Menschen zu retten,

fängt am besten mit dem eigenen Leben an. (Filmzitat)

Bei Ärzten und Pflegekräften im Bereich der Akutmedizin handelt es sich um einen Personenkreis, der mit den Grenzen menschlicher Existenz täglich konfrontiert ist, für den Ausnahmesituationen zur alltäglichen Belastung werden. Diese Kolleginnen und Kollegen verbrauchen eigene Ressourcen in schwierigen Arbeitsbedingungen und hoher körperlicher und psychischer Anspannung (hohe Verantwortung, Schichtdienst, hohe Arbeitsverdichtung, nicht geklärte Konflikte). Die Arbeitszufriedenheit sinkt in den letzten Jahren deutlich. Beklagt werden zunehmende Bürokratisierung und das Gefühl der Fremdbestimmung sowie des Alleingelassenseins. Dies hat Konsequenzen für die Personen selbst wie auch für die Versorgung ihrer Patienten.

  • Burnout: betrifft 20% der Klinikärzte
  • Sucht: 10-15% werden substanzabhängig
  • Suizid: bis zu sechsmal höhere Suizidrate im Vergleich zur Normalbevölkerung
  • hoher Krankenstand im Bereich der Intensivpflege
  • schwer zu schätzende Anzahl von Mitarbeitern mit „Innerer Kündigung“

In Mitarbeiterbefragungen werden resignierend Unzufriedenheit und Überbelastung deutlich, wobei sich bisher durch die sehr unterschiedlich geäußerte Unterstützungsnotwendigkeit schwierig konkrete Veränderungen oder Handlungskonzepte ableiten lassen. Die bisherigen Angebote – überwiegend punktuelle Fortbildungsveranstaltungen – erreichen die Agierenden nicht in ausreichendem Maße.

All diese Fakten sind seit Jahren bekannt. Aber weder im Studium noch in der Ausbildung wird den Kollegen bewusst gemacht, dass sie zu einer gefährdeten Gruppe gehören, noch wird ihnen ausreichend Unterstützung und Hilfe zuteil, um ihren wertvollen Beruf gesund ausführen zu können. So wird für viele ihr Beruf, den sie anfangs als Berufung und Aufgabe für ihr Leben wahrgenommen haben, zur verschleißenden „Lebens-Aufgabe“(Bergner). Im Fokus stehen somit drei Problemfelder:

  • psychische Traumatisierung
  • Suchtgefährdung
  • Burnout

Für all diese Problemfelder gibt es professionelle Ansatzpunkte in der Therapie. Präventive Maßnahmen fehlen völlig. Der Arbeitsalltag der Akutmediziner und Pflegekräfte sieht dies nicht vor. Besonders für junge Berufseinsteiger ist eine realistische Sicht auf ihr zukünftiges Berufsfeld, das Erlernen eigener präventiver Fertigkeiten und eine kollegiale Unterstützung wichtig.

Zu lange besteht ein Mangel an kollegialer Unterstützung und ärztlich-pflegerischer Solidarität.

 

PSU Akut e.V. Vorhaben

Wie schafft man kollegiale Unterstützung?

Beim Blick über den Tellerrand erkennt man schnell, dass andere Strukturen längst weiter sind. So gibt es im Rettungsdienst und bei den Feuerwehren wissenschaftlich begleitete Unterstützungssysteme.

Das Peer-System

Der Gedanke des Peer ist der entscheidende Ansatz. Der Peer ist „Gleicher unter Gleichen“, „spricht die Sprache der Kollegen vor Ort“, ist bekannter Ansprechpartner – als niederschwelliges Angebot – und dient nicht zur Therapie, sondern zur frühzeitigen Erkennung von Risikoverläufen und als Schlüssel in das dahinter stehende, aufzubauende Netzwerk aus psychosozialer Unterstützung.

Das modifizierte CISM-Konzept (Critical Incident Stress Management) eingebunden in die Stressbearbeitung nach belastenden Ereignissen (SbE) ist im Bereich der Rettungsdienste und Feuerwehren wissenschaftlich erwiesen. Auf Betreiben des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) wurden in einer  Konsensuskonferenz zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV) klare Standards entwickelt, die für die Ausbildung von Peers sinnvoll und verbindlich sind.

Lesen Sie hierzu auch auf den Seiten des BBK unter diesem Link. Die Qualitätsstandards und Leitlinien zur Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV)  finden sie dort ebenfalls veröffentlicht.

Die Situation der Straße kann aber nicht eins zu eins auf die Kliniken übertragen werden und bedarf der Modifikation und Anpassung an andere Rahmenbedingungen.

Durch die Peer-Struktur haben die Mitarbeiter selbst die Möglichkeit aktiv zu werden und ihren eigenen Arbeitsplatz mitzugestalten. Durch qualifizierte Schulungen – adaptiert an ihr Arbeitsumfeld – erwerben sie für sich selbst psychosoziale Kompetenzen. Die neuen Kompetenzen können sie für sich, ihr direktes Arbeitsumfeld und auch segensreich im Umgang mit den Patienten und Angehörigen einsetzen. Hier besteht die Chance nicht nur sekundär präventiv, sondern auf Dauer auch das Klima für die noch wichtigere primär präventive Arbeit zu bereiten. Themen sind

  • Krisenintervention
  • Stressbewältigung
  • Gesprächsführung, Kommunikationstraining
  • Psychosoziale Beratung
  • Konfliktmanagement und Mobbing

 

Niederschwellige Anlauf- und Koordinierungsstelle

Eine weitere Aufgabe des Projekts soll sein, eine Anlaufstelle für psychosoziale Betreuung einzurichten. Hier wird die Arbeit der Peers koordiniert, die Auswahl der Kollegen getroffen und ihre Aus- und Weiterbildung gewährleistet. Diese Stelle kann ebenso subsidiäre Unterstützung für Führungskräfte in der Wahrnehmung ihrer Fürsorgepflicht sein. Die bisher völlig vernachlässigte Begleitung von Kollegen bei juristischen Auseinandersetzungen soll hier ebenfalls angesiedelt sein.

Eine der größten Ängste – gerade in der Akutmedizin – ist und bleibt, dass Situationen auftreten in denen schutzbefohlene Patienten zu Schaden kommen mit oder ohne erkennbarem Fehler der Agierenden. Als Folgen können oft langwierige juristische Aufarbeitungen entstehe, in der der Mitarbeiter in seiner schwersten Stunde vom Arbeitgeber keine Unterstützung erfährt.

Parallel soll für Berufseinsteiger eine Basisschulung stattfinden zum Erlernen von Stressbewältigungsstrategien, Achtsamkeit, Entspannungsverfahren, Heranführen an Balintgruppen und Supervision.

Die Zeit ist reif, sich um die Ressource „Mensch“

in dieser Arbeitsstruktur präventiv zu kümmern!

Dabei reicht es nicht aus, oberflächlich hinzuschauen und es bei Lippenbekenntnissen und Feigenblattaktionen zu belassen oder angesichts der Komplexität in Resignation zu verfallen. Es geht darum, in allen Berufsgruppen den mündigen Mitarbeiter als höchstes Gut anzuerkennen, ihn mit der Möglichkeit der Mitgestaltung zu motivieren, ihn zu unterstützen Copingstrategien zu stärken und eigene Ressourcen wieder aufzubauen. Gestärkte, gesunde Ärzte und Pflegekräfte sind letztlich das Aushängeschild einer Klinik, sind leistungsfähiger und durch ihre positive Arbeit Voraussetzung für zufriedene und gut versorgte Patienten.

 

PSU-Akut verfolgt folgende Ziele:

  • Prävention durch kontinuierliche und ergebnisunabhängige Beschäftigung mit dem Thema psychosoziale Unterstützung und Sensibilisierung aller Beteiligten
  • Entwicklung von Curricula für Kriseninterventionsteams in Zusammenarbeit mit der Bayerischen Landesärztekammer
  • Bestandsaufnahme und Ist-Analyse der Situation an den Brennpunkten (z. B. Mitarbeiterbefragung, Prozessanalysen, Aufzeigen von Verbesserungspotenzial und Erstellung eines Konzepts für die PSU in der Akutmedizin)
  • in kollegialer Reflexion (Intervision, Supervision, Balintgruppen) die Probleme von Kollegen und deren Bewältigungsstrategien erkennen
  • Enttabuisierung der Suchtproblematik
  • Bereits in anderen Arbeitsfeldern funktionierende Unterstützungssysteme in die Akutmedizin zu transferieren
  • Aufbau eines Netzwerkes der psychosozialen Unterstützung mit niederschwelligem Gesprächsangebot und einer Anlaufstelle, die auch für Notärzte außerhalb der Einrichtung tätig ist.
  • Einführung eines Peersystems zur Bewältigung von akuten Belastungssituation auf Intensivstationen
  • Vorbereitung und Durchführung der gewünschten und notwendigen Schulungen: Zeitmanagement, Streßbewältigungskonzepte, Entspannungsverfahren als med. Fortbildung
  • Subsidiäre Unterstützung der Führungskräfte in der Wahrnehmung ihrer Fürsorgepflicht gegenüber den Mitarbeitern und Prozessbegleitung
  • Aufbau von Kontakten und Vernetzung  mit den eigentlichen Therapeuten beim Auftreten von posttraumatischen Belastungsstörungen, Sucht und Burnout
  • Vernetzung der beteiligten Gruppierungen
  • evtl. Einführung einer Hotline für Betroffene